Neujahrsansprachen - "same procedure as every year..."

09.01.2019 - Haben Sie die Neujahrsansprachen unserer Politiker gesehen, gehört, gelesen? Und was haben Sie dabei gedacht, empfunden und sich vielleicht gefragt?

Schon zu Beginn dachte ich, warum reden Merkel und Laschet nicht spontan, mal ohne Teleprompter, vielleicht mit einen kleinen "Spickzettel" als Gedächtnisstütze? Ok, das hat auch was mit der zur Verfügung stehenden Zeit zu tun, nicht zu überziehen. Wo kämen wir denn hin, wenn eine Kanzlerin oder ein Ministerpräsident wertvolle "Sendezeit" klaut, um den Bürgerinnen und Bürgern die Aussichten für das kommende Jahr näher zu bringen. Wertvolle Zeit für einen möglichst unbeschwerten Genussmix aus Volksmusik und nicht selten B-Promis, die es noch mal wissen möchten. Da bleiben eben nur zwischen 5 und 7 Minuten, um uns auf das kommende Jahr einzustimmen.

Beim Vorlesen einer solchen Ansprache wirkt man doch irgendwie künstlich, eingezwängt in ein Korsett aus den Faktoren Zeit, sich bloß nicht zu versprechen und möglichst hinreichend unbestimmte Andeutungen zu machen, an denen man später möglichst nicht gemessen werden kann. Authentisch geht anders...

  • Auszug aus der Rede der Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 31.12.2018

    ...Ich weiß, viele von Ihnen haben sehr mit der Bundesregierung gehadert. Erst haben wir lange gebraucht, um überhaupt eine Regierung zu bilden, und als wir sie hatten, da gab es Streit und viel Beschäftigung mit uns selbst.

    (Quelle: www.bundesregierung.de vom 30.12.2018)

  • Auszug aus der Neujahrsansprache 2018/2019 von MP Armin Laschet

    ...Unsere Firmen profitieren vom gemeinsamen Markt ohne Zölle. Das sichert gute Arbeitsplätze hier bei uns. Unsere Produkte, die wir herstellen in Südwestfalen, in Ostwestfalen und Lippe, am Rhein und an der Ruhr – werden in die ganze Welt transportiert über Häfen in Rotterdam und Antwerpen. Wir leben und arbeiten längst über frühere Grenzen hinweg. Wollen wir das alles gefährden?

    (Quelle: www.landnrw.de)

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel zu "Offenheit, Toleranz und Respekt" aufruft und gleichzeitig erklärt, dass sie einen Neuanfang mit dem Rücktritt als Parteivorsitzende der CDU und den Verzicht auf eine erneute Kandidatur als Kanzlerkandidatin eingeleitet habe, beschwört Armin Laschet die Bedeutung der Europawahl und ruft dazu auf, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Beides und besonders letzteres ist richtig und wichtig, keine Frage. Wie soll das Europa aber aussehen? Was muss man ändern, um dieses Europa weiterhin zu pflegen, auszubauen. Wie kriegen wir die Bürokratie in den Griff? Und bezogen auf NRW: Was ist eine "Montan Union der Künstlichen Intelligenz". Man kann es sich denken, dennoch muss man solche Begrifflichkeiten mit Leben füllen, ansonsten verpuffen sie im Nirgendwo.

Angesichts der Probleme im Ruhrgebiet mit dem Ausstieg aus der Kohleförderung, der zu befürchtende Niedergang der Stahlindustrie, Probleme der Inneren Sicherheit und des mangelhaften Breitbandausbaus hätte ich mir ein wenig mehr Konkretes gewünscht. Armin Laschet kann das! Seine Ansprachen zum Neujahrsempfang der CDU habe ich immer genossen und werde das auch am kommenden Samstag tun. Ich wünschte mir, dass ein wenig davon auch in der Neujahrsansprache zu spüren gewesen wäre.

Und Angela Merkel? Auch bei ihr dürfte man mehr als "Allgemeinplätze" erwarten, immerhin, und das zeigen die üblen Ereignisse in Bottrop, Amberg und Bremen, entwickelt sich unsere Gesellschaft in eine Richtung, die niemand ernsthaft akzeptieren, die ohne mutiges, politisches Eingreifen brandgefährlich werden kann. Gerade von der Bundeskanzlerin mit ihrer Richtlinienkompetenz hätte man mehr erwarten dürfen.

Aber rund 6 Minuten reichen dazu sicher nicht aus... Ein bisschen mehr darf es schon sein. Die Bürgerinnen und Bürger sind sicher nicht desinteressiert und würden wohl auch 15 Minuten aushalten...

Und diese 15 Minuten mit mehr Inhalt und Konkretem dürfte der ARD und dem WDR sicher abzuringen sein, oder? Zumal man sich dann die recht ausführliche Berichterstattung in der Tagesschau und den Zitaten, was Merkel sagen wird, knapp 3 Minuten vor Ausstrahlung der Rede sparen könnte.

In diesem Sinne hoffe ich am 31.12.2019 nicht auf ..."same procedure as every year"...

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